Leserbrief an die SZ vom 15.05.2020

Zu viele Menschen haben aus der Corona-Krise zu wenig gelernt und benehmen sich jetzt so, als sei alles halb so schlimm gewesen. Das wird sich bei künftigen Seuchen rächen, kommentiert SZ-Autor Werner Bartens (SZ Plus):

Quelle: Sueddeutsche Zeitung

Leserbrief:

“Ich würde definitiv die Statiker nehmen! Allerdings, wenn ich zwei Statiker an der Hand hätte, die sich in einer Fachfrage nicht einig werden in entscheidenen Details, dann würde ich ein Gutachten bestellen und noch einige Sachverständige mehr anhören. Auf keinen Fall würde ich nur auf einen Statiker hören und den anderen mundtot machen oder verleumden. Evtl. stellt sich dann auch heraus, dass man nebst Statikern auch noch Materialforscher und andere Ingenieure (Bauingenieure, etc…) braucht, um die fachlichen Fragen beantworten zu können, die man beantworten muss, um eine Brücke zu bauen. Die Welt ist halt schon komplex… So betrachtet kann man die Kurve der Dummheit auch schon gleich bei dem Autoren Werner Bartens selbst versuchen abzuflachen. Und vor allem nach Möglichkeit halt bei der Politik, die sich vielleicht wirklich zu einseitig beraten lässt gerade. Und die meisten Medien tun sich derzeit größtenteils ja auch nicht gerade dadurch hervor, dass sie einen pluralen Diskurs befördern… Und wenn dann Impfgegner-Chemtrail-Kinderbluttrinktheoretiker plötzlich Oberwasser kriegen, darf man sich bei so einer gesellschaftlichen Stimmung auch nicht wundern. Aber sich dann auf “DIE” Wissenschaft zu berufen, die es so einheitlich und ohne Differenzen auch gar nicht gibt und nie gegeben hat, ist selbst völlig unwissenschaftlich. Zumal Politik eben nicht nur auf eine kleine Anzahl von Wissenschaftlern hören muss oder sollte, sondern zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und wissenschaftlichen Standpunkten und Wissenschaften und Werteprioritäten vermitteln muss. Ergo: So eindeutig wie der Autor da tut ist es dann auch alles wieder nicht. Sorry, aber das was der Autor da anschlägt ist nichts als antikritischer Diskurs unter dem Deckmantel der Aufklärung. Mit einem streitbaren demokratischen Diskurs hat das genauso wenig zu tun wie die Verschwörungsfraktion die er da kritisiert.

Das Bild von der Brücke ist in diesem Zusammenhang auch gar nicht schlecht, weil es grundsätzliche Probleme der aktuellen Situation verdeutlicht: Wenn eine Brücke gebaut werden soll, braucht es nebst Statikern, nebst dem Rat von Materialforschern und nebst der Expertise von Bauingenieuren auch noch die Eingaben von anderen wissenschaftlichen Disziplinen: Meteorologen können aufklären, ob Wetterphänomene zu erwarten sind, die beim Bau der Brücke aus Sicherheitsgründen berücksichtigt werden müssen. Wirtschaftswissenschaftler können einen Rat abgeben, ob die Brücke sich rechnet und wo ihr ökonomischer Nutzen besteht. Geologen könnten befragt werden ob seismische Aktivitäten zu erwarten sind und die Fundamente dementsprechend angepasst werden müssten. Meeresforscher und Ökologen könnten einen Rat abgeben, wie der Bau der Brücke die lokalen Ökosysteme beeinflusst. Verkehrswissenschaftler könnten beraten wie die Brücke ausgestaltet werden müsste, um den Verkehrsfluss zu sichern. Sozialwissenschaftler könnten die Auswirkungen auf die Sozialstrukturen erklären und prognostizieren die ein Großprojekt für die Sozialstrukturen im Sozialraum der unmittelbarem Nähe und als Effekte für die beteiligten Gesellschaften mit sich bringt. Auch die Rechtswissenschaften könnten ihren Beitrag leisten, indem sie die baurechtlichen Vorgaben erörtern und alle Fragen in Bezug auf Entschädigung und Wahrung der Rechte der Bevölkerung in Abwägung bringen. Und so weiter und so fort… Und die Politik hat dann die schwere Aufgabe zwischen all den unterschiedlichen und sich widersprechenden Ratschlägen zu vermitteln und die beste Lösung zu finden.

All das wurde im Zuge von Corona durch die Politik unterlassen. Das wissenschaftliche Potenzial zur Politikberatung erschöpft sich im 21. Jahrhundert nicht im Rat einer Handvoll Virologen und Epidemiologen, erst recht nicht, wenn diese offenkundig die soziale, ökonomische und rechtliche Dimension der Katastrophe, auch der politischen Reaktion auf die Katastrophe, nicht mitdenken können und wollen.

Und wenn die Politik nun im Zuge von Corona, anders als in der Frage zum Klimawandel, anfängt wissenschaftlichen Rat zu konsultieren, dann ist das auch sicher dem Prinzip nach begrüßenswert und zunächst auch nichts verkehrtes. Aber ich bleibe dabei, keine Politik, die sich einseitig beraten lässt ist gut beraten. Und, um alles nochmal zu verkomplizieren: Politik kann nicht einzig auf den Rat von Experten verworfen sein, wenn wir nicht in einer szientistischen Expertokratie, in der dystopischen Wirklichkeit von Platons Staate leben wollen. Will sagen: Auch Politik, als Kunst der Macht und der gesellschaftlichen Gestaltung hat ein Eigenleben und basiert auf Prinzipen, die der Wissenschaft äußerlich bleiben: Die Frage ob eine Brücke, beispielsweise zwischen zwei Nationen wie die Öresundbrücke, nun gebaut werden soll ist letztlich auch eine Frage der Völkerverständigung, des Friedens und der internationalen Kooperation. Diese Fragen kann kann Wissenschaft – z.b. das Studium der internationalen Beziehungen in der Politikwissenschaft – unterstützen und in einem solchen Prozess Entscheidungshilfe leisten. Abnehmen kann die Wissenschaft der Politik diese Entscheidung aber nicht.

Fazit: Die Politik sollte wirklich mehr Brücken bauen. Und nicht, wie im Zuge von Corona geschehen, einigen Experten das Wort erteilen, die ohne Rücksicht auf Verluste ausserhalb ihres Fachgebietes aufrufen die Abrissbirne zu betätigen. Die Medien sollten das tun was ihre Aufgabe ist: Sachliche Berichte erstellen und einen pluralen Diskurs fördern, der möglichst viele Ansichten darstellt. Auf keinen Fall sollten die Medien einen unausgewogenen Handlungsdruck erzeugen. Und zu guter Letzt: Die Frage ob die Bevölkerung in der Corona-Pandemie ausreichend gelernt hat würde ich Herrn Werner Bartens bitten uns Sozialpädagogen als Fachleuten zu überlassen. Erst recht wenn Herr Bartens selbst anscheinend noch ganz viel über Gesellschaft lernen muss.”

Sören Hars, Hamburg, 17.05.2020

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